Corona verändert unsere Begrüßung und die Etikette
Was Bestand hat:
Bevor wir zum verbalen Gruß ansetzen, signalisieren wir unsere Absicht bereits mit unserer Körpersprache durch Mimik, Gestik und Blickkontakt. Neben den verbalen Grußformeln drückt also vor allem die non-verbale Kommunikation Absicht und Qualität unseres Grußes aus. Sofern unser Gegenüber eine gleiche oder ähnliche kulturelle Prägung erhalten hat, weiß er diese Zeichen zu deuten und kann damit eine erste Einschätzung vornehmen.
Der Ursprung:
Warum begrüßen wir uns überhaupt und zu welchem Zwecke tun wir dies? Der Ursprung des Grüßens, sowie die dazugehörigen Grußgesten rührt aus dem friedlosen Zustand früherer Epochen: Um sich unnötige Konflikte zu ersparen, haben sich Begegnende einander durch Grußgebärden ihrer friedlichen Absicht versichert. Dazu gehört beispielsweise, dass man sich frontal gegenübersteht. Damit signalisieren wir Vertrauen, denn nun sind wir einem möglichen Angriff ausgeliefert und unser Fluchtweg ist abgeschnitten. Drehen wir uns ein wenig zur Seite („die kalte Schulter zeigen“) ist dies das Signal, dass wir uns des Gegenübers noch unsicher sind und den Fluchtweg freihalten möchte. Das Vertrauen ist nicht uneingeschränkt vorhanden.
Zu diesen Grußgebärden gehört in unserem Kulturkreis das Reichen der rechten Hand; der Grüßende bestätigt dadurch sein Vertrauen in die Friedfertigkeit seines Gegenübers, indem er ihm seine waffenlose Rechte darbietet. Zudem begeben wir uns „in die Hand“ des anderen und sind auch hier wieder schutzlos ausgeliefert. Unser Gegenüber könnte uns zu Boden zu zwingen. Folglich ist die Eigenschaft, zu versöhnlichen Umgangsformen beizutragen, ein grundsätzliches Wesensmerkmal des Grußes. Es erleichtert zudem die Kontaktsituation: durch einen wohlwollenden Gruß schaffen wir auch hier ein Stück Sicherheit; dementsprechend tragen die meisten gesprochenen Grußformeln positive Inhalte.
Vor Corona:
Sich die Hand zu reichen, ist ein jahrhunderte alter Brauch – sogar die Römer reichten sich schon die Hände zum Gruß – und ist in unserer Zeit das bisher verbreitetste Ritual weltweit. Dieses nun rücksichtslos abzulegen, wie aktuell erzwungen und von Virologen für die Zukunft empfohlen, fällt uns nicht leicht und hat weitreichende Konsequenz. Denn der Gruß ist nicht nur eine Ehrbezeugung, er hat auch eine Kommunikationskomponente.
Zunächst wurde er durch eine Verbeugung verstärkt. Das ist veraltet und heute kaum anzutreffen. Sie wird durch ein leichtes Neigen des Kopfes angedeutet und durch ein sich Erheben bei der Begrüßung ersetzt. Vielmehr wird uns der Handschlag fehlen, weil auch er einen bedeutenden Teil der non-verbalen Kommunikation einnimmt. Aus dem Händedruck, der Haltung der Hände und des Handrückens, der Textur der Hände lassen sich Rückschlüsse auf den dazugehörigen Menschen, seines zumindest aktuellen Gemütszustandes und seiner Absicht erkennen: lascher Händedruck, schwitzige Hände, umgedrehter Handrücken etc. Dieser Teil der Kommunikation entfällt folglich bei einer nicht taktilen Begrüßung. Es gehen uns also wertvolle Informationen verloren.
Das Ritual der Begrüßung ist ein gesellschaftlicher Faktor
Wer die festen Umgangsformen seiner Gesellschaft oder Gruppe missachtet, läuft Gefahr, sich dieser nicht nur zu entfremden, sondern schlimmstenfalls von dieser ausgeschlossen zu werden. Das können wir schon bei Jugendlichen feststellen, wenn sie die Codes, Rituale und den Dresscode der Clique nicht einhalten.
Der Gruß bei Begegnung und Abschied hat einen so stark verpflichtenden Charakter, dass meist seine Unterlassung als beleidigend, mindestens doch als ignorant gilt. Die Geringschätzung über den unterlassenen Gruß kann bis zum Ausschluss aus der Gruppe und damit der Einstellung des Grüßens mit dem Ausgestoßenen führen.
Wir sehen also, der verbale und taktile Gruß hat eine große Bedeutung und ist Bestand unserer Kultur. Wie sollte er also nun gebührend durch eine bedeutungsgleiche Geste ersetzt werden können?
Der zukünftige Gruß nach Corona
Werfen wir einen Blick auf bestehende und mögliche Grußrituale im Business Kontext.
Wird es adäquat sein, sich amerikanisch zu geben und mit erhobener Hand ein „Hallo“ , bzw. „Hi“ zur Begrüßung zum Besten zu geben? Eine Abkürzung vom englischsprachigen „Hello!“ oder „How are you?“ Das allseits beliebte und bei uns sehr verbreitete „Hallo“ ist bisher keine offizielle Business-Begrüßung und findet nicht generell Liebhaber. Im Gegenteil, es stößt je nach Berufsgruppe und Umfeld auf Ablehnung. „Hallo“ ohne ein angefügtes Herr X, Frau Y wirkt unverbindlich und unnahbar und ersetzt demnach nicht unseren jahrhunderte alten Brauch und seine Bedeutung. Also verwerfen wir diese Idee.
Wenden wir uns dem freundlichen indischen Gruß „Namasté“ zu. Er bedeutet „Ich verbeuge mich vor Dir“. Das Grußritual signalisiert Freundlichkeit, Offenheit und Ehrerbietung. Die Verbeugung entspricht – wie wir gesehen haben - auch unserem Kulturkreis. Somit wäre uns ein Namasté mit einem leichten Nicken des Kopfes gar nicht so fremd.
Namasté“ stammt aus dem Altindischen und bedeutet „Erde Dir“ im Sinne von „Erde zu Dir“. Der Wortstamm „namas“ („Verbeugung“) deutet auf die mit dem Grußwort stattfindende Grußgeste hin, bei der sich der Grüßende leicht verbeugt und die Hände nach oben richtend faltet. Körper- und Handhaltung entsprechen der religiösen Geste des buddhistischen Gebets.
Bleiben wir bei der Grußgeste, ersetzen jedoch das Grußwort Namasté durch z.B. „Gott zum Gruße“, was jedoch veraltet und eher im süddeutschen Raum zu finden ist. Gleiches gilt für das „Moin“, was im norddeutschen Raum durchaus alltäglich ist, aber eben auch nur dort hingehört. Weiter denkbar wäre „Ich grüße Sie“ bzw. „Ich grüße Sie, Frau Meyer, Herr Müller“. Auch das gängige „Guten Tag Frau Müller, Herr Meyer“ wären in Kombination annehmbar. Sollten wir beim Du sein würde es „Grüß Dich“ und „Grüß Dich, Max“ heißen.
Verlassen wir die indische Grußgeste und ersetzen sie durch „Hand aufs Herz“, wie es Politiker und Sportler tun. Mit oder ohne angedeuteter Verbeugung oder leichtem Kopfnicken ist dies eine Geste der Wahrhaftig- und Aufrichtigkeit, was der Bedeutung unseres Händeschüttelns durchaus nahe kommt.
Eine bisher unübliche Geste in Zusammenhang mit einer Begrüßung ist, die Hände zu öffnen, beide Handflächen nach oben zu drehen und die Arme dabei im rechten Winkel seitlich des Körpers zu halten. Es ist eine offene, einladende Bewegung. Auch hier stellen wir uns unserer Verletzlichkeit – ebenso wie durch die frontal, zugewandte Haltung. Zu dieser Geste der offenen Hände würden unsere üblichen Grußworte passen. Zudem wäre es möglich, auch nur die rechte Hand zum Gruße zu nutzen, sollte die linke Hand ein Handy, Glas oder Unterlagen halten müssen.
Bei allen denkbaren Varianten erscheint mir essentiell, dass die frontale, zugewandte Position, der Augenkontakt und das Lächeln erhalten bleiben. Das entspricht - wie wir gesehen haben - unserer non-verbalen Kommunikation und unseren jahrtausendealten Bräuchen, die viel über uns aussagen.
Sollten Sie sich damit befassen, wie Ihre zukünftige Firmen- bzw. Begrüßungskultur aussehen soll, sollten Sie dies firmenintern miteinander klären und verbindlich vereinbaren. So wie das Duzen zur Firmenkultur wurde, so gehört zukünftig die Begrüßungskultur ebenso dazu. Diese sollte intern und extern kommuniziert werden.
Wenn Sie Anregungen haben, schreiben Sie mir.
Bleiben Sie gesund!